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Aus dem Gemeindearchiv Grunerns

   

Seit einigen Monaten ist das Stadtarchiv Staufen im alten Pfarrhaus von Grunern eingezogen. Das Stadtarchiv hat drei große Teilbestände: das Archiv der Kernstadt Staufen sowie die Archive der ehemals selbstständigen Gemeinden Grunern und Wettelbrunn.

Diese Archive sind keine mehr oder weniger zufällig entstandenen Sammlungen alter Papiere, sondern die bewusst gebildete Überlieferung der Gemeinden als politischen Körperschaften. Sie reichen deswegen nicht bis zur Erstnennung der Ortschaften zurück, sondern nur in jene Zeiten, in denen die politische Gemeinde in der Lage war, ihr wichtige Schriftstücke dauerhaft aufzubewahren. 

Die urkundliche Ersterwähnung Grunerns und der Weiler Kropbach und Etzenbach aus dem 11. und 12. Jahrhundert wird man daher im Gemeindearchiv vergeblich suchen. Erst als sich im Spätmittelalter eine politische Gemeinde gebildet hatte, darf mit der Anlage eines Gemeindearchivs gerechnet werden. 

  

Über die Entstehung der politischen Gemeinde Grunern ist hier wie auch anderswo im Breisgau  nichts bekannt. Im 15. Jahrhundert begegnet die Gemeinde bereits voll ausbildet mit allen ihren Organen: dem Vogt, aus dem im 19. Jahrhundert das Amt des Bürgermeisters entstehen sollte, dem Gemeindegericht, aus dem im 19. Jahrhundert sich der Gemeinderat entwickelte, den sogenannten „Geschworenen“, die die Gemeinderechnung führten, sowie einigen kleineren Ämtern wie zum Beispiel dem Hirten, der das Vieh des Orts bewachte. Aufgrund der ungeheuren Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs hat sich im Gemeindearchiv Grunern allerdings nur ein Schriftstück älterer Zeit erhalten; eine Urkunde aus dem Jahr 1555. Alle anderen Archivalien stammen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. 

Die folgenden Bilder zeigen einige Beispiele aus dem Gemeindearchiv.

1) Zu den wichtigsten Archivalien, die seit dem Dreißigjährigen Krieg erhalten sind, gehören die jährlich gefertigten Rechnungen, in denen über Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde Rechenschaft geleistet wurde. Die Rechnungen bilden über drei Jahrhunderte hinweg eine eindrucksvolle Serie, aus der sich eine Fülle von Informationen zum Dorfleben entnehmen lassen. Das Bild zeigt die erste erhaltene Grunerner Gemeinderechnung aus den Rechnungsjahren 1659/61.

  

2) Ein Ausgabenbeleg aus dieser Rechnung verweist darauf, dass die Gemeinde Grunern mit einem Geldbeitrag die Feier des Agatha-Fests unterstützte. Der Beleg dürfte der älteste Nachweis für das Fest sein und stellt die Grunerner Patroziniumsfeier damit in eine jahrhundertelange Tradition.

  Ausgabenbeleg

3) Grunern war keine arme Gemeinde. Dank fruchtbarer Böden und des Weinbaus verfügten die Bauern über einen bescheidenen Wohlstand. Hinzu kam der große Waldbesitz der Gemeinde, über den diese allerdings über Jahrhunderte hinweg mit den Gemeindenachbarn Staufen, Wettelbrunn, Ballrechten und Münstertal Auseinandersetzungen führen musste. Die Streitigkeiten mündeten in langwierigen Grenzbegehungen, bei denen man Marksteine setzte. Das Bild zeigt die im 18. Jahrhundert gefertigte Zeichnung eines 1766 im Grunerner Wald an der Markungsgrenze zu Ballrechten gesetzten Steins. Der Stein zeigt auf der einen Seite unter einem Baldachin die Wappen der Herrschaft Staufen (drei Kelche), zu der Grunern gehörte, sowie der Abtei St. Blasien, die die Herrschaft Staufen als österreichisches Lehen besaß, mit den Buchstaben „H. ST.“ für Herrschaft Staufen und „G.B.“ für Grunerner Bann mit der Jahreszahl 1766. Auf der Rückseite zeigt der Stein das Wappen der Markgrafen von Baden mit den Buchstaben „M.H.“ für die badische Markgrafschaft Hachberg sowie „Z.B.“ für Ballrechten, wobei das „Z“ möglicherweise für Zehnt steht.

   Grunermer Wald

 4) Zentrum der politischen Gemeinde sind die Verhandlungen des Gemeindegerichts und des späteren Gemeinderats, die in Protokollen festgehalten wurden. Leider setzen die Grunerner Gemeinderatsprotokolle erst spät ein und sind darüber hinaus nicht vollständig überliefert. Das Bild zeigt einen Protokollband aus den Jahren um 1900.

   Protokoll

Darin findet sich beispielsweise das Protokoll vom 6. April 1906 über die Einführung einer elektrischen Beleuchtung.

5) Will man wissen, ob die Beschlüsse des Gemeinderats tatsächlich umgesetzt worden sind, müssen andere Quellen beigezogen werden. Zur Einführung der Elektrizitätsversorgung hat sich im Gemeindearchiv glücklicherweise ein Plan erhalten, der die erste durch das Dorf führende Stromleitung zeigt. Der erste Stromversorger war ein Staufener Unternehmer (Hipp), der seine Wasserkraft zum Stromerzeugung nutzte.

  Strom

6) Die politische Gemeinde lebte über Jahrhunderte von der Mitwirkung ihrer Bürger. Institutionalisiert war diese Mitwirkung freilich kaum; doch konnte man sicher sein, dass bei wichtigen Angelegenheiten des Dorfs alle Dorfeinwohner ihre Stimme erheben und Mitsprache beanspruchen würden. Ein schönes Zeugnis dafür ist diese Unterschriftsliste von Grunerner Bürgern, die in den 1740er Jahren im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen der Gemeinde und ihrem Vogt Anton Riesterer entstand. Die Liste zeigt, das macht sie über den eigentlichen Entstehungszweck hinaus interessant, die Unterschriften der meisten Grunerner Männer - oder vielmehr zeigt sie diese eben nicht, denn die Mehrzahl der Männer konnte, wie der Ausschnitt zeigt, nicht schreiben, sondern musste mit einem Handzeichen die Anwesenheit bestätigen.

 Liste Unterschriften

7) Die politische Gemeinde hatte sich so viel Zutrauen erworben, dass die Bürger auch Kauf- und Erbschaftsverträge von ihr beurkunden ließen. Aus diesem Bereich der sogenannten Freiwilligen Gerichtsbarkeit haben sich im Gemeindearchiv Grunern beispielsweise zahlreiche Erbschaftsverträge erhalten. Diese sind besonders dann interessant, wenn das Erbe im Einzelnen aufgezählt wurde, wie in der hier gezeigten Liste von Kleidern, die Maria Anna Burgert 1813 erbte. Die Erbinventare erlauben es, sich eine genaue Vorstellung davon zu machen, welche Art von Kleidung unsere Vorfahren anzogen und wie ihre Wohnungen möbliert waren.

  Erbe

8) Die Gemeinde übernahm aber nicht nur Dienste für ihre Bürger, sondern führte im Auftrag des Staats auch dessen Aufgaben durch. So erteilte die Gemeinde beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Staat Baugenehmigungen. Daher liegen im Gemeindearchiv zahlreiche Baupläne von Grunerner Gebäuden. Die beiden Bilder zeigen den Bauplan des Schlosses der Grafen von Hohenthal aus dem Jahr 1908, entworfen von dem Züricher Architekten Wehrli, und die Umsetzung des Bauplans nach einer Postkarte aus der Zeit um 1910.

      BauplanA         BauplanB

9) Auch war die Gemeinde in alter Zeit für den Steuereinzug zuständig. Die Umlage der vom Landesherrn geforderten Steuern unter die Dorfbewohner war sicherlich eine der unangenehmsten Aufgaben des Dorfgerichts. Unter Kaiserin Maria Theresia wurde ein neues Steuersystem eingeführt, das unter anderem eine Vermessung aller Grundstücke erforderte. Im Breisgau wurden überall die Gemeindemarkungen vermessen, nach ihrer Nutzungsweise (Landwirtschaft, Weinbau, Wald usw.) klassifiziert und kartiert. Auch von Grunern hat sich eine prächtige Markungskarte erhalten, die zwar nicht datiert ist, aber aus der Mitte der 1780er Jahre stammen dürfte. Im Zentrum der Karte ist der Ortsgrundriss von Grunern zu sehen. Bedeutendste Straßenverbindung war anscheinend - nach der reichen Bepflanzung mit Bäumen und Hecken zu schließen - die Straße von Breisach über Schmidhofen in das Münstertal, währende die Straße nach Ballrechten nur als einfacher Weg ausgewiesen ist. Am heutigen Gasthaus „Zollstock“ zweigt die Dorfstraße ab mit der bis heute erhaltenen Straßenführung. An der scharfen Rechtskurve in das Dorf hinein fehlt auf der Karte noch das erst 1792/93 erbaute Pfarrhaus. Besonders herausgehoben wird auf dem Plan die Pfarrkirche, während die übrigen Höfe im Grundriss wiedergegeben sind. Das größte Gebäude im Dorf war schon damals das Badwirtshaus. Auch hier hat sich die Straßenführung bis heute erhalten.

  Draufsicht

10) Die Geschichte der politischen Gemeinde Grunern endete mit der Eingemeindung nach Staufen 1974. Die heftigen politischen Auseinandersetzungen jener Jahre lassen sich im Gemeindearchiv gut nachvollziehen. Die Bilder zeigen die erste und die letzte Seite des Eingemeindungsvertrags vom 7. Dezember 1973, der schon drei Wochen später, zum 1. Januar 1974 in Kraft trat. Mit dem recht schmucklosen Eingemeindungsvertrag endete die jahrhundertelange Geschichte der politischen Gemeinde Grunern.

    EingemeindungA    EingemeindungB

Demgemäß ist das Jahr 1974 auch das Schlussjahr für das Gemeindearchiv von Grunern. Das Gemeindearchiv umfasst heute rund 60 Regalmeter Papier - Blatt für Blatt eine einzigartige Überlieferung zur Geschichte des Dorfs Grunern und seiner Menschen.

Stadtarchiv Staufen, Jörg Martin, 14.2.2011

 

 

 

 

 

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